Gerald Stitz empfiehlt:

Tom Diesbrock:
Ein Vogel namens Schopenhauer

Dieses Buch hat mich, wie man so sagt, entschleunigt. Es nimmt das Tempo heraus, spricht über den Alltag und meint die Welt als Ganzes. Mit dieser sehr philosophischen Haltung sind wir auch schon beim Helden des Romans, dem alten Matteo.

Der ist nämlich studierter Philosoph, eigenbrötlerisch und schroff. Zurückgezogen haust er in einer Gartenlaube auf der Südseite der Alpen, vom Leben erwartet er nichts mehr. Bis eines Tages ein gänsegroßer Vogel mit einem krummen Schnabel in seinem Garten steht. Das Tier gehört zur Gattung der Waldrappe (ja, die gibt es wirklich). Es schafft, was seit langer Zeit keinem Menschen mehr gelang: Matteo öffnet ihm sein Herz. Er tauft den Vogel auf den Namen Schopenhauer, pflegt ihn zusammen mit seiner Freundin Leyla gesund und spricht mit ihm wie mit einem menschlichen Gegenüber.

Doch eines Tages wird klar, dass sich schon einmal andere Menschen um Schopenhauer gekümmert haben müssen. Leyla entdeckt, dass er von einer Vogelstation nördlich der Alpen beringt wurde, dort gibt es offenbar viele seiner Art.

Matteo will den philosophischen Vogel trotzdem für sich behalten, aber dies widerspricht seiner grundlegenden Einstellung zur Freiheit allen Lebens. So macht sich unser Gelehrter widerstrebend mit seinem alten Rennrad auf den Weg, um den Waldrapp zurück ins Reservat zu bringen. Auf dem langen Weg dorthin wird der menschenscheue Alte nicht nur mit verschiedenen Problemen moderner Zivilisation konfrontiert, sondern auch mit den verdrängten Themen der eigenen Vergangenheit.

Der ernste Hintergrund dieser Geschichte: Wegen seines Fleisches wurde der Waldrapp so gut wie ausgerottet, sein natürlicher Lebensraum ist stark geschrumpft. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre gibt es Wiederansiedelungsprojekte für die Tiere, dennoch steht die Art weiter auf der roten Liste der bedrohten Arten.

Tom Diesbrock hat mit diesem Roman ein herzerwärmendes Buch vorgelegt, dass Reisebericht, Naturbeobachtung und Charaktererzählung miteinander verknüpft.

Sprachlich eher schlicht erzählt er eine Geschichte mit vielen philosophischen Einsprengseln, die nicht nur auf den Urlaub Lust macht, sondern auch auf den Frühling!

Verlag: Piper
erschienen am 28. März 2024
336 Seiten
15 Euro